Internationale Organisationen erklären Sepsis zu einer globalen medizinischen Herausforderung

Jenaer Intensivmediziner Professor Konrad Reinhart steht Welt-Sepsis-Allianz vor

In einer gemeinsamen Erklärung rufen internationale Experten dazu auf, Sepsis als globale medizinische Herausforderung wahrzunehmen und als Notfallerkrankung zu behandeln. „Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Sepsis, sie ist wahrscheinlich die häufigste Todesursache weltweit. Sepsis tötet unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft, Heimat und Zugang zu medizinischer Versorgung“, so Professor Konrad Reinhart. Der Sepsisforscher vom Universitätsklinikum Jena ist in der vergangenen Woche auf einem Fach-Symposium in New York zum Vorsitzenden der Global Sepsis Alliance gewählt worden, die etwa 250.000 Intensivmediziner weltweit repräsentiert.

Täglich sterben in Deutschland ca. 140 Menschen an Sepsis. Die Erkrankung verursacht allein auf den Intensivstationen Kosten in Höhe von 1.7 Milliarden Euro jährlich. Sepsis tritt weit häufiger auf als Brust- und Darmkrebs oder Aids, ist aber in der Öffentlichkeit kaum oder nur als „Blutvergiftung“ bekannt.

Was ist Sepsis?

Ein Grund dafür ist die Schwierigkeit, das Wesen der Erkrankung und seine Gefährlichkeit allgemeinverständlich zu beschreiben. Auf dem Symposium einigten sich die 150 internationalen Sepsisexperten auf folgende Definition:

Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der durch die Abwehrreaktion des Körpers auf eine Infektion ausgelöst wird und zu einer Schädigung der eigenen Körperorgane führt. Wenn Sepsis nicht frühzeitig erkannt und sofort behandelt wird, kann es zum Schock, Multiorganversagen und zum Versterben kommen. Trotz der Errungenschaften der modernen Medizin wie z.B. Impfungen, Antibiotika und Intensivtherapie ist Sepsis die Haupttodesursache bei Infektionen. Weltweit sterben deshalb jedes Jahr Millionen Menschen.

Obwohl jedem vierten Todesfall im Krankenhaus eine Sepsis zu Grunde liegt, kennen Laien diesen Begriff und seine Bedeutung in der Regel nicht.

Aufklärung auch bei medizinischem Fachpersonal und Ärzten nötig

Doch auch unter den Medizinern selbst fehlt das Fachwissen zur Sepsis. In ihrer Erklärung fordern die internationalen Experten die Ärztegemeinschaft auf, „die Sepsis als schweren medizinischen Notfall einzustufen und innerhalb der ersten Stunde nach der Verdachtsdiagnose Flüssigkeit und Antibiotika zu verabreichen und andere geeignete Maßnahmen einzuleiten.“ Voraussetzung für eine Senkung der Sterblichkeit an Sepsis ist ein besseres Verständnis des Krankheitsbildes und die Schaffung einer erhöhten Aufmerksamkeit für die Frühsymptome der Sepsis bei Laien und medizinischem Personal im ambulanten und stationären Bereich. Die Sterblichkeit bei Sepsis liegt immer noch zwischen 30 und 50%.

Deshalb sind Qualitätsinitiativen und breite Aufklärungskampagnen in allen Bereichen des Gesundheitswesens unerlässlich. „Im internationalen Vergleich spielt Deutschland hier mit Institutionen wie der Deutschen Sepsis Gesellschaft, der Deutschen Sepsis-Hilfe und dem vom BMBF geförderten Kompetenznetz für klinische Sepsisforschung ‚SepNet’ in Jena eine Vorreiterrolle“, so Professor Reinhart.

Sepsisforschung in Jena

Die Sepsis und ihre Folgeerkrankungen sind ein Forschungsschwerpunkt am Universitätsklinikum und in Jena. Hier sind mehrere große, mit insgesamt über 50 Millionen Euro öffentlich geförderte Forschungsinitiativen zur Sepsis angesiedelt, die an der Entwicklung neuer Diagnose- und Therapieverfahren arbeiten, große klinische Sepsis-Studien durchführen und die Präventionsmöglichkeiten und Langzeitfolgen der Sepsis erforschen. Aus dem Universitätsklinikum gründeten sich mehrere Unternehmen aus, die innovative Sepsisdiagnostika und –therapeutika entwickelt haben.

Auf Initiative von Professor Reinhart wird ab Dezember eine deutschlandweite Qualitätsinitiative beginnen, deren Ziel es ist, dass alle Patienten möglichst in der ersten Stunde nach Diagnosestellung „Sepsis“ mit Antibiotika und kreislaufunterstützenden Maßnahmen behandelt werden. Über 40 Krankenhäuser, davon nahezu 20 aus Thüringen, werden sich an dieser „MEDUSA“ genannten Initiative beteiligen, die vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum „Center for Sepsis Control and Care“ geleitet und von der Thüringer Landesärztekammer unterstützt wird.