Geschichte der Sepsis

Aufgrund mangelnden Wissens um hygienische Maßnahmen waren Wundinfektionen lange Zeit eine gefürchtete und häufige Komplikation in der Chirurgie. Eine Wundfäule (Sepsis) wurde hierfür verantwortlich gemacht.

Obwohl der Begriff Sepsis eng mit der modernen Intensivmedizin verknüpft ist, handelt es sich um einen sehr alten medizinischen Terminus. Das Word "Sepsis" wurde bereits von Hippokrates (ca. 460-370 v. Chr.) eingeführt und leitet sich von dem griechischen σηπω ("faul machen") ab. Ibn Sina (979-1037) beobachtete, dass die Fäulnis des Blutes (Septikämie) mit Fieber einhergeht. Der in der Antike eingeführte Sepsis-Begriff wurde bis in das 19. Jahrhundert in dieser Form angewendet. Pathophysiologische Überlegungen gab es nur wenige. So postulierte der Leydener Arzt Herrmann Boerhave (1668-1738), dass die Sepsis durch schädliche Substanzen aus der Luft verursacht würde. Der Chemiker Justus von Liebig entwickelte diese Theorie dann Anfang des 19. Jahrhunderts weiter, in dem er den Kontakt von Sauerstoff mit der Wunde für die Entwicklung einer Sepsis verantwortlich machte.

Eine moderne Sicht entwickelte sich erst durch die Arbeit von Ignaz Semmelweis (1818-1865). Semmelweis war Gynäkologe an der Geburtshilflichen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Der Tod von Wöchnerinnen durch das Kindbettfieber war zu dieser Zeit eine häufige Komplikation. Insbesondere die Abteilung von Semmelweis hatte eine hohe Mortalität von ca. 18% zu beklagen. In diesem Haus war es üblich, dass Medizinstudenten nach ihren Sektionsstunden in der Pathologie die Wöchnerinnen auf der geburtshilflichen Station untersuchten. Hygienische Maßnahmen wie Händewaschen oder Tragen von Handschuhen waren nicht üblich.

Semmelweis vermutete, dass "die Leichenteilchen, die in das Blutgefäßsystem gelangten" für die Erkrankung der Frauen verantwortlich waren. Tatsächlich gelang es ihm durch die Einführung einer Händewaschung mit einer Chlorkalklösung vor der gynäkologischen Untersuchung die Sterblichkeit auf ca. 2,5% zu senken. Trotz seines medizinischen Erfolges gelang es Semmelweis nicht, seine Hygieneverfahren durchzusetzen. Vielmehr äußerten sich seine ärztlichen Zeitgenossen eher abfällig über ihn. Erst 1863 - 15 Jahre nach seinen Entdeckungen - veröffentlichte er sein Werk "Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers". Aus seinem erfolglosen Bemühen um professionelle Anerkennung erwuchs eine psychische Erkrankung, die schließlich die Einweisung in eine Nervenanstalt notwendig machte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er dort an einer Wundinfektion verstarb.

Der französische Chemiker Louis Pasteur (1822-1895) entdeckte bei seinen Arbeiten über Fäulnis und Verwesung, dass diese Prozesse durch kleinste einzellige Lebewesen, die er als Bakterien bzw. Mikroben bezeichnete, verursacht werden. Er vermutete bereits richtig, dass diese Mikroben Krankheitserreger sein könnten.

Von größter Bedeutung war jedoch die Entdeckung, dass Bakterien in Flüssigkeiten durch Erhitzen abgetötet werden konnten. D.h. eine Flüssigkeit konnte sterilisiert werden.


Joseph Lister (1827-1912) war Chirurg an der Glasgow Royal Infirmary. Als er die Leitung der chirurgischen Abteilung übernahm, starben ca. 50% der Patienten nach Amputationen an einer Sepsis. Lister gelang es, die Beobachtungen von Semmelweis und die Entdeckungen von Pasteur mit den Todesfällen in seiner Klinik in Verbindung zu bringen. Mit fast modernen wissenschaftlichen Studien untersuchte er die Auswirkungen von Haut- und Gerätedesinfektionen mit Karbolsäure (sog. antiseptische Verfahren) zunächst an Tieren und dann an Menschen. Hiermit gelang es Lister, die Sterblichkeit nach Amputationen dramatisch zu senken. Im Gegensatz zu Semmelweis konnte Lister seine Kollegen von der Sinnhaftigkeit seiner antiseptischen Verfahren überzeugen. Robert Koch (1843-1910) führte 1887 Listers Erfahrungen durch die Einführung der Dampfsterilisation weiter.

Der Internist H. Lennhartz, der als ärztlicher Direktor des allgemeinen Krankhauses Eppendorf tätig war, setzte in Deutschland den Verständniswandel von Sepsis als Fäulnis zu einer bakteriellen Erkrankung durch. Es war jedoch sein Schüler Hugo Schottmüller (1867-1936), der 1914 den Grundstein für eine moderne Sepsisdefinition legte: "Eine Sepsis liegt dann vor, wenn sich innerhalb des Körpers ein Herd gebildet hat, von dem konstant oder periodisch pathogene Bakterien in den Blutkreislauf gelangen und zwar derart, dass durch diese Invasion subjektive und objektive Krankheitserscheinungen ausgelöst werden." Damit war erstmals die Bedeutung eines Infektionsherdes als fundamentaler Bestandteil der Sepsis formuliert. Schon damals äußerte er "Eine Therapie hätte sich also nicht gegen die im Blute kreisenden Bakterien, sondern gegen die … frei werdenden Bakterien-Toxine zu richten…". Damit griff er seiner Zeit weit voraus.

Obwohl die antiseptischen Verfahren einen großen medizinischen Durchbruch darstellten, wurde schnell klar, dass nach wie vor eine bestimmte Anzahl von Patienten an einer Sepsis erkrankte. Die Sterblichkeit war in dieser präantibiotischen Ära sehr hoch. Man entdeckte dabei, dass diese Patienten häufig sehr niedrige Blutdrücke aufwiesen. Dieser Zustand wurde als septischer Schock bezeichnet. Erst durch die Einführung der Antibiotika nach dem 2. Weltkrieg konnte die Sterblichkeit der Sepsis weiter verringert werden. Mit dem nun einsetzenden technischen Fortschritt in der Medizin begann auch die Entwicklung der Intensivmedizin, wobei Sepsispatienten einen wesentlichen Anteil des Patientengutes der Intensivstationen stellen sollten.

1967 wurde von Ashbough und Mitarbeitern bei intensivmedizinischen Patienten eine schwere Lungenerkrankung beschrieben, die aus schwerer Atemnot, Verlust der Lungendehnbarkeit und Flüssigkeitseinlagerung bestand. Diese Erkrankung wurde als Adult Respiratory Distress Syndrome (ARDS) bezeichnet und war eine oft tödliche Komplikation. Schnell stellte sich heraus, dass Patienten mit Sepsis diese Komplikation besonders häufig erlitten. Es zeigte sich ebenfalls, dass die Entwicklung des ARDS Folge einer Entzündungsreaktion ist und damit durch körpereigene Substanzen ausgelöst wird. In den 80iger Jahren entdeckte man dann, dass diese Entzündungsreaktion sich nicht nur in der Lunge, sondern im ganzen Körper abspielt. Damit war klar, dass die Entstehung einer Sepsis nicht allein auf einen Infektionsherd beruhen konnte, sondern die Reaktion der körpereigenen Immunabwehr auf diese Infektion eine weitere wichtige Rolle spielen musste. Dies wurde 1989 von dem US-amerikanischen Intensivmediziner Roger C. Bone (1941-1997) in der noch heute gültigen Sepsisdefinition dargelegt: "Sepsis ist definiert als eine Invasion von Mikroorganismen und/oder ihrer Toxine in den Blutstrom zusammen mit der Reaktion des Organismus auf diese Invasion."